Music from the Edge of the World

By Morten Alfred Høirup |

Der fantastische Bericht zweier dänischer Musiker von einer abenteuerlichen Reise

“Wir sind in Australien gewesen, um ein paar Konzerte zu geben und einige meiner alten Freunde zu besuchen. Auf dem Rückweg hätten wir eigentlich via Papua-Neuguinea nach Thailand fliegen und einen kleinen Urlaub daraus machen wollen. Aber das GPS in unserem kleinen Flugzeug machte uns Probleme, so dass wir uns über dem Meer verirrten. Das Wetter war richtig schlecht und wir konnten nichts sehen – wir dachten tatsächlich, wir sollten sterben. Zuletzt mussten wir im Meer notlanden in der Nähe von etwas, von dem wir annahmen, dass es eine Insel sei.“

An einem Sommermorgen sitzen wir in meiner kleinen Küche in einer Wohnung im vierten Stock in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Jahrhundertelang ist Kopenhagen ein Handels- und Kulturzentrum für Reisende aus ganz Europa und aus großen Teilen der ganzen Welt gewesen. Hier wohnte auch der dänische Dichter und Märchenautor Hans Christian Andersen die längste Zeit seines Lebens. „Reisen heißt Leben!“, sagte er. Er war sicherlich einer der meistgereisten Künstler seiner Zeit und wusste, wovon er sprach.

Nun, 137 Jahre nachdem Andersen das Zeitliche gesegnet hat, sitze ich hier mit zwei der besten dänischen Roots- und Folkmusiker, und zwar dem Geiger, Sänger und Multiinstrumentalisten Hal Parfitt-Murray sowie dem Pianisten und Keyboardspieler Nikolaj Busk. Zusammen bilden sie das Duo „Hal og Nikolaj”.

Hal Parfitt Murray ist Sohn einer englischen Mutter und eines schottischen Vaters. Er ist in Australien aufgewachsen, wohnt aber nun mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind in Dänemark. Nikolaj Busk ist in Dänemark geboren, befindet sich derzeit aber auf dem Weg nach Schweden, um sich im Bereich Komposition weiterzubilden.

Die beiden Musiker und Komponisten haben eine ungewöhnliche und außerordentlich inspirierenden Geschichte von einem Erlebnis zu erzählen, das großen Einfluss auf ihre Arbeit im letzten halben Jahr gehabt hat. Es ist die Geschichte, wie sie dazu gekommen sind, drei lehrreiche Monate am Ende der Welt zu verbringen – ein Aufenthalt, der zur Veröffentlichung ihres zweiten Duo-Albums „Music from The Edge of the World” geführt hat.

Die Reise ans Ende der Welt

„Wir wurden von einem der dortigen Fischer gerettet, dem es gelang, unser kleines Flugzeug zu bergen”, erzählt Hal und setzt fort: ”Er nahm uns mit nach Hause, wo wir uns aufwärmen konnten. Er sprach ein sehr seltsames Englisch, das wir nur zum Teil verstehen konnten. Es war mit einigen anderen Wörtern vermischt. Ich denke, dass es einige Moui-Wörter waren und eine andere asiatische Sprache, die ich nicht identifizieren konnte, etwas Französisch, ein wenig Deutsch usw. Wir konnten die Insel auf keiner unserer Karten finden …“

Nikolaj unterbricht: „Aber die Einheimischen konnten uns erzählen, dass wir in ein Land gekommen waren, das sie das „Ende der Welt” nennen …“

Hal: „Das konnten wir natürlich nicht ernst nehmen. Wir wissen ja, dass die Welt keine Ende hat. Sie ist rund, das wissen wir alle!”

Nikolaj: „Aber das ist sie nicht!“

Hal: „Nein, das ist sie nicht! Wir sind vermutlich die Einzigen, die das „Ende der Welt“ besucht haben und zurückgekehrt sind. Es ist ziemlich gefährlich, man riskiert nämlich über den Rand und in den Abgrund gesogen zu werden oder gar Schlimmeres!“

Hal und Nikolaj hatten sich schon viele Jahre gekannt, ohne miteinander Musik zu machen. Aber eines Tages besuchte Nikolaj eines der Solokonzerte von Hal. Das war der Anfang eines von Kritikern gelobten Duos, das schnell sein erstes Album aufnahm – ein Album, das im gleichen Jahr in der Kategorie „Debüt des Jahres” und „Komponist des Jahres” bei den Danish Music Awards im Bereich Folk ausgezeichnet wurde. Mittlerweile hat das Duo sein zweites Album veröffentlicht.

Das Album „Music from the Edge of the World“ besteht Hal und Nikolaj zufolge zum Teil aus traditionellen Melodien und Liedern, die sie von alten Traditionsträgern vom „Ende der Welt“ gelernt haben und zum Teil aus Musik, die sie selbst komponiert haben, inspiriert von ihrem Aufenthalt dort und mit unterschiedlichem anderen Material gemischt. „Wir haben beide unseren Ausgangspunkt in moderner Musik, Jazz, Elektronika sowie Klassik,” erzählt Nikolaj und Hal fährt fort:

”Ich weiß nicht, wie bewusst es passiert, wenn wir komponieren, es ist eigentlich nur ein Produkt dessen, was wir uns anhören. Wir schreiben lange und komplizierte Melodien, weil wir uns täglich lange und komplizierte Musikstücke anhören. Alle Kompositionen sind wohl eigentlich nur ein Ergebnis dessen, was du die Jahre hindurch gehört, zerhackt und in einem großen Topf vermischt und über den Tisch gekippt hast. Das, was du schreibst, ist vermutlich nur ein Produkt dessen, was du gehört hast!”

Nikolaj lächelt und fügt hinzu: „Halleluja!”

Die Windorgel

Als Beispiel der großen und inspirierenden Erlebnisse am Ende der Welt erzählen Hal und Nikolaj von einem Tag, an dem sie einige der Ansässigen ans Ende der Welt begleiten – also zum Rand, wo der große Fall beginnt. Hier sehen sie zum ersten Mal in ihrem Leben die „Windorgel”. Nikolaj erzählt: ”Der Rand selber ist ein sehr religiöser Ort für die Einheimischen, sie beschreiben den Ort nicht als einen Ort sondern eher als „Moment der Erkenntnis“. Hal führt fort:

„Es wohnen einige Mönche oben auf den Gipfeln der Berge und du kannst den Rand tatsächlich vom Kloster aus sehen, weil die Sicht wegen des kräftigen, über den Rand wehenden Windes immer klar ist. Die Mönche haben einige sehr umfassende und komplizierte Rituale, und als integralen Teil dieser benutzen sie dieses gewaltige, in den Berg eingebaute Instrument. Sie nennen es die „Windorgel“, es ist riesengroß und die Grotten des Berges sind ein Teil der gigantischen Hörner. Der ganze Berg spielt also die Musik und die ‚Rohrblätter‘ der Hörner werden vom Wind durchgeblasen, der über den Rand der Welt (The Edge of the World) stürmt. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie viele Oktaven die Windorgel umfasst, aber der Ton ist krass laut und die Orgel wird von 10 oder 15 Typen gespielt mit jeweils einem eigenen Keyboard mit fünf Tastaturschichten. Die feinsten Töne werden auf Rohren aus Eis gespielt und es ist alles superlaut, weil der Wind einfach über das Ganze loskracht.“

Hal und Nikolaj erzählen, dass es ein Beispiel für auf der Windorgel gespielter Musik auf ihrem Album gibt, und zwar das Stück „Music for Looking over The Edge”. Sie versuchen natürlich der Musik vom Ende der Welt gerecht zu werden, verfügen aber nicht über dieselbe Art von Instrumenten. Das dänische Duo spielt Geige, Klavier, Akkordeon, Oud, Mandoline usw., nutzen aber auch elektronische Instrumente. „Damit es ähnlich klingt“, wie Hal es formuliert.

„Aber die Musik am Ende der Welt unterscheidet sich nicht so sehr von dem, was wir selbst kennen,” erzählt Nikolaj: „Sie hat eindeutig viel mit der Musik Skandinaviens, des Mittleren Ostens und so weiter gemein, denn die Leute am Ende der Welt sind ja Nachfahren von Menschen aus aller Welt.”

Hal erklärt: „Sie sind Nachfahren von Seeleuten, die an Land getrieben sind. Und 1794 – glaube ich – ist ein Schiff voller Strafgefangener auf dem Weg nach Australien am Ende der Welt gestrandet. Das war übrigens das erste gestrandete Schiff mit Frauen an Bord und das war ganz gut, weil die Bevölkerung deshalb nicht ausgestorben ist.“

Auf Tournee mit der Musik vom ende der Welt

Zuletzt, nachdem sie drei Monate mit den Einwohnern am Ende der Welt gelebt und an ihren Freuden und Sorgen teilgenommen hatten, gelang es ihnen mit der Hilfe ihrer neuen Freunde das kleine Flugzeug zu reparieren, in dem sie angekommen waren. Sie sind einige der Ersten, denen es jemals gelungen ist, das Ende der Welt zu verlassen und zurück nach Dänemark zu kehren.

Nun haben Hal und Nikolaj also ein Album mit Musik vom Ende der Welt veröffentlicht – doch damit nicht genug: Sie werden Anfang 2013 dorthin zurückkehren und zwei einheimische Sängerinnen abholen, danach werden sie die Musik vom Album „Music from the Edge of the World“ in Clubs und auf Festivals sowohl in Dänemark als auch international präsentieren, denn Reisen heißt Leben, wie schon Hans Christian Andersen sagte!

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